Ohne Herkunft keine Zukunft? Deutschlandfunk – Am Sonntagmorgen

Wer heute die Sendung „Am Sonntagmorgen“ im Deutschlandfunk verfolgt hat und dann auf dieser Seite gelandet ist, den begrüße ich herzlich. Ich hoffe, meine Gedanken haben Ihr Interesse geweckt, Sie zum Nachdenken angeregt oder auf eigene neue Ideen gebracht. Gerne können Sie über die Kommentarfunktion dieser Seite oder per Mail Kontakt mit mir aufnehmen: 

daniel.bogner@unifr.ch

Vielleicht interessiert Sie das Manuskript der Sendung. Auf den Seiten der Katholischen Hörfunkarbeit können Sie den Beitrag in Kürze herunterladen oder auf der Seite des DLF nachhören. 

Umkehr – Theologie zwischen Appell, Verfahren und Illusion

Am Donnerstag, 9. Oktober, habe ich meine Antrittsvorlesung an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg gehalten. Im Vorfeld haben mich manche gefragt: Was soll denn das Thema? IMG_5206Gehts nicht ein bisschen IMG_5113IMG_5139aktueller – zumal gerade auch noch die Weltbischofssynode im Vatikan zu lauter „heissen Eisen“ stattfindet… Ich hingegen rede über „Umkehr“ – ist dazu nicht alles gesagt theologisch?

Ethik fängt da an, wo Appelle enden und Verfahrenswege an ihre Grenzen kommen, weil sie nicht mehr leisten, wozu sie eigentlich da sind. Über Umkehr muss deshalb gerade ethisch-theologisch immer wieder neu geredet werden: Wohin sollen wir umkehren – und woher eiBildschirmfoto 2014-10-10 um 21.29.05gentlich? Ist diese Umkehrrede mehr als Appell, Verfahren und Illusion? Für einen Lehrstuhl, welcher der „Allgemeinen Moraltheologie“ gewidmet ist, bleibt solche Verständigung im Grundsätzlichen eine zentrale Aufgabe – mit welcher dann auch Konfliktfragen konkreter Ethik in den Fokus geraten. (Gliederung des Vortrags siehe rechts)

In Fribourg Moraltheologie zu lehren, das ist eine Herausforderung: Es begegnen unterschiedliche intellektuelle Kulturen, die auch in der Theologie aufeinander treffen: Moraltheologie in der Tradition eines Thomas von Aquin, Theologische Ethik nach dem vernunftrechtlichen Paradigma autonomer Moral, der Versuch, die Frage nach ethischer Verbindlichkeit angesichtsIMG_5220 einer radikalen Vernunft- und Subjektkritik in der Gegenwart zu beantworten… Eines scheint mir unaufgebbar: Moraltheologie muss Theologie für die Problemlagen der Gegenwart sein, diese in sich aufnehmen und verarbeiten. Die vielleicht zu bemängelnde Uneindeutigkeit haftet ihren Wegen und Antworten deshalb notwendiger Weise an – weil sie auf sich geschichtlich neu stellende Fragen je neue Antworten suchen muss.

Das Recht des Politischen. Neuerscheinung zum Verständnis der Menschenrechte

Unter dem Titel „Das Recht des Politischen. Ein neuer Begriff der Menschenrechte“ ist im transcript Verlag (Bielefeld) eine Studie erschienen, in der ich mich mit dem Verständnis der Menschenrechte auseinandersetze.

Ikon Buch transcriptDas Buch entwickelt eine Hermeneutik von Erfahrungszeugnissen unterschiedlich situierter Akteure, die in den französischen Kolonialkrieg in Algerien (1954-62) verwickelt waren. Aus deren autobiografischen Zeugnissen soll kritisch rekonstruiert werden, welche Bedeutung dem Begriff der Menschenrechte jeweils zukommt, welchen Wandlungen er unterliegt und weshalb man ein Verständnis dieses Begriffs nur mittels solcher subjektiver Erfahrungen gewinnen kann. 

Es geht also um eine Untersuchung am (autobiografischen) Quellenmaterial, die dazu dient, eine grundsätzliche Reflexion für ein angemessenes Verständnis der Menschenrechte anzustellen. Der Fall Algerien eignet sich besonders gut für dieses Unterfangen, versteht sich die französische Kolonialherrin doch bewusst als „Menschenrechtsnation“…  

Wer sich für die Theorie der Menschenrechte interessiert, wird mit dem Buch auf seine Kosten kommen, aber auch jede/r, der/die sich mit so aktuellen Themen wie „subversive Kriegsführung“, „Anti-Terror-Kampf“ oder dem mitteleuropäischen Zivilisationanspruch befasst. Zu guter Letzt: Eine Studie über Kolonialkriege als moraltheologisches Thema? Ja, entschieden. Denn es geht im Kern um die Frage, wie moralisch-ethische Geltung eigentlich zustande kommt.

Herzliche Einladung zur Lektüre!

Menschenrechte innerhalb der Kirche? Radioessay im Deutschlandfunk

Haben Sie den Sonntag des WM-Endspiels mit dem Deutschlandfunk begonnen und sind bei der Sendung „Am Sonntagmorgen“ hängengeblieben? Sind Sie vielleicht regelmäßiger Hörer dieser Sendung und möchten sich ein Bild vom Autor machen?

Herzlich willkommen auf diesen Seiten! Ich freue mich darüber, wenn mein Beitrag auf Ihr Interesse stößt und Diskussionen auslöst.

Die Sendung lässt sich auch nachhören (hier) oder als Text ausdrucken (hier). 

Herzliche Grüße,

Ihr Daniel Bogner

 

 

Zwischen den Fronten. Die unkomfortable Lage der Kirchenkritik

Über „Kritik an der Kirche“ kann man so oder so denken. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eher mit dem Nestbeschmutzer-Image verbunden, emanzipiert sich die Perspektive momentan von ihren stereotypen „Dann-geh-doch-rüber“-Reaktionen. Woran das liegt? An einer sich wandelnden kirchenpolitischen Lage? An klügerer Kritik? An drängenderen Monita? 

Wohl erst mit zeitlichem Abstand wird man das beantworten können. Eines scheint vorerst gewiss: Dass es eine Chance gibt, Kritik an der Kirche angemessener betrachten zu können – mit der für den Gegenstand nötigen reflexiven und analytischen Schärfe, die im Schlachtenlärm der Nachkonzilszeit oft auf der Strecke blieb. 

HK GottlosIm neuen „Spezial“ der Herder Korrespondenz (Gottlos? Von Zweiflern und Religionskritikern, 1/2014) setze ich mich in einem Beitrag mit solcher „Kritik von innen“ auseinander. Im Mittelpunkt stehen folgende Fragen:

  • Was ist die Redeposition der Kritisierenden?
  • Welche Bedeutung hat Kirchenkritik heute? 
  • Was ist „gute“ Kirchenkritik? 

Fazit, hier in Kürze und vorweggenommen: Der Kirchenkritik geht es darum, „das Christentum wieder einzuführen – in die Christenheit“ (Kierkegaard). Gute Lektüre! 

Werte oder Rechte? Religionsunterricht und Religionsfreiheit

In der Debatte um Religions- oder Werteunterricht hat das Luxemburger Tageblatt am 10.02.2014 einen Artikel veröffentlicht, in dem ich mich mit einigen Aspekten der Diskussion auseinandersetze. (Er ist hier abrufbar: Werte oder Rechte. Antwort auf Leserbrief von Joé Hansen.) Ich würde mich freuen, wenn er einen Beitrag zur weiteren Debatte leistet. 

Meine Luxemburger Zeit ist zu Ende gegangen, schneller als erwartet. Mit diesem Monat habe ich eine neue Stelle an der Universität Fribourg in der Schweiz angetreten. Ich werde dort Moraltheologie unterrichten und freue mich auf die Aufgabe in einem spannenden Kontext: in einem multikonfessionellen Land, auf der Sprachgrenze, in einer Gesellschaft, die um eine gemeinsame Identität ringt. Paradox ist es aber doch: Ich verlasse Luxemburg in einer Zeit der Krise für Theologie und Religion, nachdem die neue Regierung die Abschaffung des Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen beschlossen hat – und dort, wo ich beginne, ist ebenfalls Krise. Es wird gerade über „Masseneinwanderung“ und „Dichtestress“ abgestimmt, den so Leute wie ich ja wohl mit auslösen sollen. Mal sehen, wie willkommen man als Deutscher so ist. Ich werde mich jedenfalls bemühen zu entdichten, wie auch immer das aussehen mag…

Luxemburg, was mir von Dir im Herzen bleibt? Vieles und in der Tat vieles sehr Sympathisches! Als Theologe allerdings bin ich ernüchtert: Wie wenig gelingt in der Luxemburger Gesellschaft eine qualitative Auseinandersetzung um religiöse Themen und Fragen. Sofort steht man im Abseits und unter Klientilismus-Verdacht, wenn man die Theologie als Disziplin benennt. Ich kam mir oft vor wie ein Lobbyist, aber mein Anliegen war es, zur Sache zu sprechen, mit offenem Visier, ohne Rückversicherung. Mein Eindruck ist: Das Amalgam aus Staat und Kirche in seiner speziell Luxemburger Mischung ist wie ein Karamell-Bonbon: Schmeckt anfangs ganz gut, ist aber eigentlich zu süß – für die Kirche mit ihren ererbten Privilegien und für die Kirchengegner, weil sie ein Feindbild haben.  Und um im Bild mit dem Karamell zu bleiben: Wenn man draufbeißt und was verändern will, merkt man, wie verhärtet alles ist. Schließlich könnte es sein, dass das Konstrukt auseinander bröckelt, wenn der Druck zu stark wird… 

Werteunterricht verbindet – Religionsunterricht trennt?

Die neue Luxemburger Regierung möchte den Religionsunterricht durch einen für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtenden Werteunterricht ablösen. Die gesellschaftliche Debatte dazu nimmt langsam Fahrt auf. Dringend nötig ist eine Schärfung der bemühten Argumente: In welcher Hinsicht ist Religionsunterricht an der öffentlichen Schule überhaupt problematisch? Welche Funktion kann ein Werteunterricht erfüllen? Welche Rolle sollte der Staat in solchen Fragen einnehmen? Das Luxemburger Wort hat am 24.12.2013 einen Beitrag veröffentlicht (Text hier verfügbar), in dem ich mich mit diesen Fragen befasse.

Ein Argument begegnet immer wieder: Werteunterricht verbinde, Religionsunterricht aber trenne die Schülerinnen und Schüler entlang weltanschaulicher Gräben; Aufgabe der öffentlichen Schule hingegen sei es, die für ein friedfertiges Zusammenleben in der Gesellschaft notwendigen Gemeinsamkeiten zu vertiefen. Familie-Verzicht-auf-Religionsunterricht-kann-Kindeswohl-gefaehrden1_image_630_420fDas Argument klingt bestechend, aber es hinkt. Denn damit wird Bildung funktionalisiert, in diesem Fall für Ziele der gesellschaftlichen Integration. Darf der Staat aber Bildung für Zwecke, so sinnvoll sie sein mögen, in Dienst nehmen und die Schule als nachgeordnete Umsetzungsinstitution benutzen? Einem freiheitlichen Verständnis des Staates widerspricht dies. Der freiheitliche Staat hat sich zurückzuhalten, was den Wertehaushalt seiner Bürgerinnen und Bürger anbelangt. Er organisiert Bildung und ermöglicht damit Bildungsprozesse, aber nicht aus Eigeninteresse, sondern als einen Dienst an seinen Mitgliedern. Bildung ist ja deshalb ein Menschenrecht, weil es eine wesentliche Dimension menschlicher Personalität ausmacht; weil es existenziell zum Menschen gehört, seine in ihm liegenden Fähigkeiten, Talente und Eigenschaften zur Entfaltung zu bringen. Sozialförderliches Verhalten darf sich der Staat höchstens indirekt erhoffen – indem gebildete und gut ausgebildete Menschen in der Regel auch die friedfertigeren Gemeinschaftswesen sind…

Religionsunterricht muss nicht als eine Maßnahme gesellschaftlicher Spaltung und Segregation verstanden werden, im Gegenteil: Wo sich junge Menschen der werthaltigen Orientierungen ihrer eigenen religiösen Herkunft und Prägung reflexiv vergewissern, da kann das wertvoll werden für Staat und Gesellschaft. Denn solche Menschen sind im Blick auf ihre eigene religiöse Identität sprach- und damit kommunikationsfähig. Sie sind es gewohnt, ihre eigene Prägung zu benennen, zu verantworten und für andere weltanschauliche Herkünfte zu „übersetzen“. So erst entsteht wirklicher Austausch und tragfähige Verständigung über kulturelle, religiöse und geografische Grenzen hinweg. 

Notabene: Warum kommt eigentlich keiner auf die Idee, einen konfessionsübergreifenden christlichen Religionsunterricht einzurichten? Es entspräche der ökumenischen Grundeinstellung vieler Menschen, es würde viele praktische Probleme in der Gewährung dieses Anspruchs für kleinere Religionsgemeinschaften lösen und es befreite den Staat von dem Vorwurf, er halte es allein mit dem Katholizismus… Nicht zuletzt: Luxemburg wäre Vorreiter und Modell in Europa damit.